Wenn Judenfeindlichkeit zur Normalität wird
Die Zunahme von antisemitischen Vorfällen, auch in Schulen, macht betroffen. Wir müssen darüber sprechen, wie sich Judenfeindlichkeit schleichend normalisiert.
Es war ein ganz normaler Dienstagmorgen, als ich mit meiner Tochter auf dem Weg zur Schule war. Wir hielten an einem Kiosk, um ihr etwas zu essen zu holen. Plötzlich hörte ich zwei Jugendliche hinter uns in sarkastischem Ton über einen Mitschüler reden, dessen Eltern Juden sind. Es war nicht das erste Mal, dass ich so etwas hörte. An diesem Tag war es besonders schmerzhaft, weil ich wusste, dass meine Tochter die Schule betreten würde, wo diese Art von Gesprächen nicht einfach nur in den Pausen, sondern als Teil des Alltags vorkommen.
Vielleicht denkt man, dass solche Äußerungen in den Schulfluren nicht so ernst zu nehmen sind, dass es sich um jugendlichen Unfug handelt. Aber genau hier beginnt das Problem. Wenn wir solche Sprüche als „normal“ betrachten, normalisieren wir etwas, das in keiner Weise normal sein sollte. Antisemitismus hat in den letzten Jahren wieder zugenommen. Die Berichte über Übergriffe und Bedrohungen gegen jüdische Menschen nehmen kein Ende. Und doch scheinen viele von uns in einer Art Schockstarre zu verharren.
Ich erinnere mich an meine eigene Schulzeit. In den 90ern war Antisemitismus ebenfalls ein Thema, aber die Diskussion war zu einem gewissen Grad da. Wir haben darüber gesprochen, was Antisemitismus ist und warum er gefährlich ist. Unsere Lehrer waren sich dessen bewusst und bemühten sich, uns ein Bewusstsein dafür zu geben. Heute habe ich das Gefühl, dass viele Schulen sich nicht mehr ausreichend um diese Thematik kümmern. Vielleicht denken sie, es reicht zu betonen, dass alle Menschen gleich sind, dass Toleranz wichtig ist. Aber das ist nicht genug. Toleranz allein reicht nicht aus, um das Gift des Antisemitismus aus unseren Köpfen zu verbannen.
Die Vereinigung der jüdischen Gemeinschaften hat unlängst einen Beauftragten für Antisemitismus ernannt. Dieser Beauftragte hat die Aufgabe, auf die schleichende Normalisierung von Judenfeindlichkeit zu reagieren. Ich finde das gut, aber es ist ein trauriges Zeichen, dass ein solches Amt notwendig ist. Wir müssen in Schulen aktiv dagegen angehen. Es kann nicht sein, dass unsere Kinder in einer Umgebung aufwachsen, in der es als in Ordnung erachtet wird, Witze über Juden zu machen oder sich über ihre Herkunft lustig zu machen.
Man könnte sagen: "Aber Kinder sind so, sie machen Witze über alles." Das mag stimmen, aber was wir beobachten, ist eine Besorgnis erregende Entwicklung, die über das übliche Mobbing hinausgeht. Es sind stereotype Ansichten, die nicht nur in den Köpfen von Jugendlichen verwurzelt sind, sondern auch von den Erwachsenen, die sie umgeben. Ich sehe es, wenn ich mit Freunden oder Familie spreche. Stereotype und Vorurteile über Juden erscheinen oft in unseren Alltagssprache und -handlungen, manchmal ohne dass wir es merken.
Eine Umfrage in Schulen hat gezeigt, dass viele Schüler in Deutschland antisemitische Äußerungen gehört haben. Oft werden diese Äußerungen von ihren Mitschülern gemacht, aber auch von älteren Generationen, die diese Meinungen unbewusst weitergeben. Hier ist es an uns, ein starkes Zeichen zu setzen und für eine klare Haltung gegen Judenfeindlichkeit einzustehen.
Das bedeutet nicht, dass wir uns in einem Kreuzzug gegen unsere eigenen Kinder befinden müssen. Vielmehr bedeutet es, dass wir die Gespräche führen müssen, die oft unangenehm sind. Manchmal muss man unbequem sein, um die Wahrnehmung zu ändern. Wir müssen ein Umfeld schaffen, in dem unsere Kinder sich trauen, ehrlich über das zu sprechen, was sie hören. Es ist wichtig, sie zu ermutigen, Fragen zu stellen und nicht einfach nur wegzuschauen, wenn sie mit Antisemitismus konfrontiert werden.
Ich schätze, dass kein einfacher Weg liegt, aber er ist notwendig. Ich denke oft an jene Kinder, die unter den wiederkehrenden antisemitischen Äußerungen leiden. Sie verdienen eine Schule, die sie schützt und ihnen ein sicheres Umfeld bietet. Es ist unsere Verantwortung, alles zu tun, um sicherzustellen, dass Antisemitismus nicht zur Normalität wird. Wir können nicht einfach wegsehen. Ich hoffe, dass wir eines Tages in einer Welt leben werden, in der die Fragen nach der Herkunft und dem Glauben nicht mehr als Waffen gegen eine Gruppe von Menschen verwendet werden, sondern als Teil unserer bunten und vielfältigen Gesellschaft betrachten werden.
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